H. Figge


Einf├╝hrung zur Ausstellung "Kunst an der Kapelle"

Ich begr├╝├če Sie zu der Ausstellung des Bonner Malers Holger Figge, der hier in der Thomaskapelle 13 Gem├Ąlde in Acrylfarben aus den letzten acht Jahren zeigt.

Ehe wir sie betrachten, m├Âchte ich kurz biografische Daten nennen.

Holger Figge wurde 1951 in Wuppertal als Sohn eines Stadtbeamten geboren. In Wuppertal ging er auf das humanistische Gymnasium mit Abiturabschluss. Fr├╝h war seine Leidenschaft zur Malerei entdeckt worden, mit 14 Jahren entstanden erste Portraits und Landschaften. Er schien dem malenden Gro├čvater v├Ąterlicherseits zu folgen. Doch fiel die Studienwahl schlie├člich zugunsten Broterwerb und Familienrat auf Bauingenieurwesen in Aachen. Holger Figge schloss es mit Diplom und Dissertation ab.

Die Liebe zur Malerei war aber nicht verschwunden in den Jahren der Hochschule, auch nicht w├Ąhrend des Berufes als Tiefbauingenieur in Essen, in Baden-W├╝rttemberg und Bonn, wo er seit 1995 beim Verkehrsministerium f├╝r 20 Jahre mit Stra├čenbau befasst war. Denn 1987, als Holger Figge 36 Jahre alt war, gab es f├╝r ihn nach dem Besuch einer Paul Klee-Ausstellung kein Weichen und Wanken mehr: zielstrebig und mit Energie begann er neben seinem fordernden Beruf ein Studium der Malerei, mit Schwerpunkt auf Aquarellmalerei, bei namhaften Malern wie dem ├ľsterreicher Bernhard Vogel, erg├Ąnzt durch intensives Selbststudium und Auslandsreisen. Von Anfang an zeigte er seine Arbeiten in Ausstellungen, und er gab seine Erfahrung weiter als Kursleiter im Aquarellieren. Von dieser zus├Ątzlichen p├Ądagogischen Begabung profitiert bis heute eine gro├če Sch├╝lerzahl.

Betrachten wir die Bilder von Holger Figge und beginnen mit den Stillleben, die er "Braunes, Gelbes oder Rotes Stillleben" nennt, oder "Stillleben mit Flaschen. In diesen Arbeiten steht Holger Figge in der Tradition alter holl├Ąndischer Meister und gleichzeitig mitten in der Moderne. Durch Jahrhunderte bis heute hat Maler die Gattung des Stilllebens gereizt, die ├╝brigens erst sp├Ąt, im 17. Jahrhundert, in den Niederlanden vielf├Ąltig aufbl├╝ht, wo auch der Gattungsbegriff "Stillleben" herstammt. Er meint die Darstellung von Dingen, die still, tot oder bewegungslos sind und vom K├╝nstler in ├Ąsthetische Weise so zusammengestellt werden, wie sie in der Natur nicht vorkommen. Das k├Ânnen kostbare Ger├Ątschaften sein, Kr├╝ge, Flaschen, Blumen oder Tiere, auch Utensilien f├╝r ein Fr├╝hst├╝ck.

Das "Braune Stillleben" l├Ąsst wei├če Gef├Ą├če als Solit├Ąre Revue passieren, einen grazilen Pokal vornean und zeigt die Andeutung eines Messers, das ├╝ber den hier nicht vorhandenen Tisch ragt. Diese Bild weckt auch in seiner monochromen Tonigkeit Erinnerungen an ein barockes holl├Ąndisches Stillleben. Das obligate Messer hatte damals Aufforderungscharakter: greif zu, greif ins Leben, aber treibe es nicht zu weit, bedenke Deine Verg├Ąnglichkeit. Angefaultes Obst, ein halb leeres Glas schalen Weins wurden zum Beispiel als memento mori-Warnung verstanden.
 Solch hinterlegter Sinn verschwand allm├Ąhlich und malerische Kunst-St├╝cke mit einem weitgetriebenen Illusionismus entstanden.

Holger Figges Kunstst├╝ck ist es, unter Berufung auf Tradition ein zeitgen├Âssisches Bild zu malen, ohne Illusionismus, als reine Fl├Ąchenmalerei, mit Deformationen und mit Farben und Formen losgel├Âst vom Gegenstand, mit Abstraktionen. Der Widerpart des gro├čen wei├čen Kruges ist eine entsprechend gro├če wei├če Fl├Ąche. Auch der Entstehungsprozess des Bildes, die Malerk├╝che, ist offengelegt. Denn der Betrachter kann die Pinsel- oder Spachtelspur nachverfolgen, die Bewegung des streichenden, tupfenden oder tanzenden Pinsels. Bewegung zeigt Temperament und h├Ąlt Zeit fest. Alte Meister hielten dagegen dicht, ihre glatten Oberfl├Ąchen gaben nichts preis vom Malakt.

Holger Figge macht Skizzen, ehe er zu malen beginnt. seine d├╝nnfl├╝ssigen Acrylfarben verraten noch die Vorliebe zum Aquarell. Mit dem Vorsatz, ein gutes, ein ausgewogenes Bild zu malen, begibt er sich auf seine malerischen Erkundigungen, die sich anfangs immer einer greifbaren Gegenst├Ąndlichkeit versichern, um sie dann in demselben Bild aufzul├Âsen, in einen anderen Aggregatzustand zu ├╝berf├╝hren, zerflie├čen zu lassen in diffuse Farbigkeit und in Flecken. Das "Gelbe Stillleben" zeigt das exemplarisch. Zu seiner wie in s├╝dliche Sonne getauchten Farbigkeit korrespondiert das komplement├Ąre Blau, so dass ein harmonischer Farbklang das Bild charakterisiert.

Das "Rote Stillleben" f├╝hrt schwebende Leichtigkeit von Gef├Ą├čen entlang einer Diagonalen vor, w├Ąhrend die Protagonisten in dem "Stillleben mit Flaschen" wie ein Familienverband zusammenger├╝ckt sind, mit der dominanten Person im Vordergrund. Schweifende Bleistiftlinien versichern sich ihrer Oberfl├Ąche.

Was wir nicht ahnen, aber vom Maler versichert ist: Auch unter der abstrakten "Fl├Ąchenkomposition" sitzt ein Stilleben. Es wird zugedeckt von etlichen Malschichten, farbigen Fl├Ąchen, die unterschiedlich gro├č allein durch ihre Form und Farbe wirken und das Bild in seinem Aufbau ausbalanzieren. In Nahsicht entfaltet die Oberfl├Ąche dann noch einmal ein bewegtes Leben aus Flecken, Schlieren, Schrunden, Spritzern und feinsten Farbpartikeln. Die haucht der Maler in einer eigenen Spraytechnik auf das Bild, so als hauche er ihm zus├Ątzliches Leben ein. Dabei spielt der Zufall eine Rolle. Er wird provoziert, riskiert, gelenkt und akzeptiert.

Werfen wir einen Blick auf Holger Figges zartfarbige "Kreuzvariationen" aus dem Jahr 2008. Von einem Kreuz ausgehend interpretiert er die sich ├╝berschneidenden Balken rein malerisch, fragmentiert sie, setzt kleine Bl├Âcke neben Streifen, verdichtet und verst├Ąrkt die Oberfl├Ąche auch durch Aufbringen von Papier und einem Streifen Mullbinde. Die feine Struktur der Mullbinde bereichert die Oberfl├Ąche und l├Ąsst an Verletzung und Heilung denken. Das christliche Kreuz, st├Ąrkstes Symbol der ├ťberwindung von Tod und S├╝nde, mag hier angedeutet sein. Ein Kreuz kann au├čerdem die Stra├čenkreuzung meinen - Holger Figge war lange im Stra├čenbau t├Ątig - auch eine Verdichtung, Konzentrierung im Schnittpunkt zweier Linien. Die Interpretation bleibt offen, und immer sind Formen und Farben im Bild so austariert, dass das Verh├Ąltnis von gro├čer freier und kleiner Fl├Ąche, von heller und dunkler Farbe, von durchscheinender und deckender Farbe eine gewisse Spannung ergibt und den Blick fesselt.

Text: Elke Gennrich, Autorin und Kunstvermittlerin

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